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AG Bildung: Die Mehrwertrate

THEORIE - Schulungsmaterial

Die Arbeiter bilden durch ihre Arbeitskraft in dem Produktionsprozess einen neuen Wert, von dem sie einen Teil als Äquivalent ihrer im Kapitalismus zur Ware gewordenen Arbeitskraft bezahlt bekommen. Diesen Teil des eingesetzten Kapitals haben wir bereits als variables Kapital (v) bzw. als – bezogen auf die Länge des Arbeitstages – notwendige Arbeit kennen gelernt. Den verbleibenden, als Mehrarbeit des Arbeitstages sichtbaren Teil eignet sich der Kapitalist als Mehrwert unentgeldlich an. Der Mehrwert ist somit der vom Lohnarbeiter über den Wert seiner Arbeitskraft hinaus geschaffene Wert. Die Beziehung zwischen beiden Wertanteilen interessiert – jeweils aus einer anderen Perspektive - sowohl den Kapitalisten als auch den Arbeitern. Für den Kapitalisten ergibt sich die Frage, welchen Anteil der täglichen Arbeitszeit er sich unentgeldlich aneignen kann. Zudem ist der Kapitalist bestrebt, sich einen möglichst großen Anteil der Arbeitskraft unentgeldlich anzueignen und diesen immer weiter auszudehnen. Der klassenbewusste Proletarier interessiert sich dagegen für die Frage, welchen Anteil seines Arbeitstages er für den Kapitalisten arbeitet.  


Ausdruck der quantitativen Beziehung zwischen der bezahlten und der angeeigneten Arbeit ist die Mehrwertrate. Sie errechnet sich aus:

Mehrwertrate

Ein Rechenbeispiel aus dem Marx`schen Kapital veranschaulicht das Wesen der Mehrwertrate. Angenommen die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit (entspricht dem Wert der Arbeitskraft = v) für die Herstellung von 10 Pfund Garn beträgt 6 Stunden. Bei einer Dauer des Arbeitstages von 12 Stunden errechnet sich eine Mehrarbeit (Mehrwert = v) von ebenfalls 6 Stunden. In Anlehnung an die o.a. Formel ergibt sich eine Mehrwertrate von 100% (= 6 Std. * 100% / 6 Std.).
Ende der 90iger Jahre des vergangenen Jahrtausends (!) bezifferte das staatliche und damit den Kapitalisten freundlich gesonnene Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung die Wertschöpfung in diversen Betrieben zwischen 79400 und 125000 (damals noch) DM pro Beschäftigten. Wird berücksichtigt, dass die Wertschöpfung dem Marx`schen Wertprodukt entspricht, ergibt sich bei einem durchschnittlichen Bruttojahreslohn eines Lohnarbeiters in Höhe von ca. 40000 DM ein Mehrwert pro Beschäftigen zwischen 39400 und 85000 DM. Der errechnete Mehrwert entspricht einer Mehrwertrate zwischen ca. 100 und 200%. Daraus können wir folgern, dass vor 10 bis 15 Jahren die Lohnabhängigen ca. 50 bis 66,6 % des  Arbeitstages für den Kapitalisten tätig waren.
Die Mehrwertrate beschreibt quantitativ die Verwertung des eingesetzten variablen Kapitals (d.h. der Lohnkosten) und gibt durch die analoge Beziehung von Mehrarbeit und notwendiger Arbeit exakt den Ausbeutungsgrad der Lohnabhängigen wieder.
Die Mehrwertrate bzw. das Größenverhältnis zwischen m und v ist – wie bereits gezeigt wurde – keine konstante Größe, sondern sie wird von zahlreichen Faktoren beeinflusst. An erster Stelle ist die Länge des Arbeitstages zu nennen, denn (unter der Bedingung der Konstanz aller anderen Variablen und der notwendigen Arbeit) führt eine Verlängerung der Arbeitszeit zwangsläufig zur Erhöhung der Mehrarbeit. Ein Sinken der Mehrwertmasse beim Einsatz von weniger variablem Kapital kann also dadurch begegnet werden, indem der Arbeitstag verlängert wird. Dem Ersatz von vermindertem variablen Kapital durch die Steigerung der Mehrwertrate sind natürlich Grenzen gesetzt, denn die absolute Schranke des Arbeitstages liegt bei ca. 16 Stunden (24 Stunden/Tag abzüglich 8 Stunden Schlaf). Andrerseits kann eine Abnahme der Mehrwertrate bei Konstanz der Mehrwertmasse dadurch ausgeglichen werden, indem die Größe des variablen Kapitals bzw. die Anzahl der beschäftigen Arbeiter proportional wächst.
Neben den bereits beschriebenen Wechselwirkungen zwischen dem Mehrwert, den variablen Kapital und der Rate selbst, wird die Mehrwertrate weiterhin durch den (Tausch-)Wert der Arbeitskraft, der Intensivierung der Arbeit (Akkord, Verdichtung, etc.), der gesellschaftlichen Entwicklung der Produktivkräfte, etc. beeinflusst.  
Zum Studium der Mehrwertrate empfehlen wir das Kapitel „Die Rate des Mehrwertes“ im Bd. I des Kapitals von K. Marx auf den Seiten 226-244.


AG Bildung

Zit. n. Müller, Iris: Mitarbeiterbeteiligung. Ein Weg zu höherer Produktivität. In: Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, Kurzbericht 09/2001

 


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