DDR – der Kulturstaat (Thomas Mann und die DDR)

Ich widme diesen Vortrag Genossen Hans Wauer. Der Tod dieses unbeugsamen und aufrechten Genossen hinterlässt eine große Lücke, vor allem beim Aufbau einer einheitlichen Kommunistischen Partei auf marxistisch-leninistischer Grundlage wird er uns schmerzlich fehlen. Ich bitte um ein kurzes Gedenken an Hans, den wir stell-vertretend ehren wollen in Bezug auf die vielen Genossinnen und Genossen, die sich, wie er, nicht haben verbiegen lassen nach der Konterrevolution. (Das Auditorium erhebt sich) : Die DDR – Der Kulturstaat

Die DDR: Der Kulturstaat

 

„Wenn ich mich dann schon politisch einordnen muss: Ich bezeichne mich als ´Sozialdemokrat´“.

„Ich war, ich bin und werde sicherlich bis an mein Lebensende ein Bürgerlicher bleiben“.

Beide Zitat stammen von Thomas Mann.

 

Liebe Genossinnen und Genossen, liebe Freundinnen und Freunde, meine Damen und Herren!

 

Es wird Sie sicherlich verwundern, warum ich anlässlich eines Vortrages über das Thema „Kulturstaat DDR“ Thomas Mann zu Beginn gleich zwei Mal zitiere, jenen Thomas Mann, von dem wir für gewöhnlich nur die politischen Erkenntnisse „der Anti-Kommunismus ist die Grundtorheit unseres Jahrhunderts“ und „die DDR ist das bessere Deutschland, weil seit der Gründung bewusst antifaschistisch“ kennen.

 

Nun, diese Zitate sollen belegen, dass es sich bei Thomas Mann um einen dezidiert bürgerlichen Menschen und Schriftsteller gehandelt hat, dem aber die politischen Verdienste eines durchaus kämpferischen Antifaschisten hoch anzurechnen sind und der sich nie gescheut hat, offen für ein demokratisches Bündnis mit der kommunistischen und Arbeiterbewegung einzutreten.

 

Und es ist vor allem jener Thomas Mann, der von seiner politischen und kulturpolitischen Warte aus in Zürich, noch immer unter dem Trauma der faschistischen Barbarei, die seine Klasse zu verantworten hatte, leidend, ein Konzept des „Kulturstaates“ erarbeitet hatte, von dem er hoffte, dass dieser die kulturpolitischen Voraussetzungen schaffen würde, die ein erneutes Aufkommen des „faschistischen Ungeistes“ verhindern oder zumindest erschweren könnte.

 

Thomas Mann erläuterte im Detail in zwei Interviews mit „Radio Beromünster“ den Begriff des „Kulturstaates“ und gab die Bedingungen vor, die es erlauben sollten, einen Staat – sozusagen unabhängig von der Klassennatur des jeweiligen Staates –(und hier irrte Thomas Mann als Sozialdemokrat sich selbstverständlich gewaltig!) – als „Kulturstaat“ zu definieren oder nicht.

 

Nachdem er am Ende der zweiten Sendung zu einer Reihe Staaten bezüglich seiner Definition dieser Staaten ausgefragt wurde, antwortete er in Bezug auf die BRD, hörbar pikiert ausweichend, in der Kürze der Zeit dieses komplexe Thema innerhalb dieser Sendung nicht angehen zu können.

 

Dann zur DDR in Bezug auf das Prädikat „Kulturstaat“ befragt, erklärte er kurz und bündig, die DDR sei aufgrund „der enormen kulturellen Leistungen und der kulturellen Aufbauarbeit“ als „VORBILD eines Kulturstaates“ zu bezeichnen.

 

Das Echo auf diese Aussage in der BRD war eisiges Todschweigen in der veröffentlichten Meinung und nur in der FAZ durfte ein feuilletonistischer Hinterbänkler sich über den „Alterstarrsinn“ eines „literarischen Grandseigneurs“ lustig machen. Thomas Mann aber „Alterssenilität“ vorzuwerfen, das getraute sich dieser geistige Zwerg denn doch nicht.

 

Was aber verstand Thomas Mann unter dem Begriff des „Kulturstaates“, welches sind die zu erfüllenden Kriterien und in wie weit erfüllte die DDR die Mann’schen Ansprüche. Diese Fragen können wir durch die bedingte zeitliche Begrenzung im Folgenden nur kurz angehen.

 

Die erste Bedingung, die ein Staat erfüllen muss, ist laut Thomas Mann die praktische Durchsetzung des Rechts auf eine umfassende Bildung und die Vermittlung der National- und Welt/Universalkultur für alle Menschen, unabhängig von ihrer sozialen Herkunft, ihres Einkommens, Vermögens und ihrer philosophischen, religiösen und politischen Überzeugungen. Ein allgemeines Schulsystem, das kollektiv und individuell ein Höchstmaß an Wissensvermittlung auch für jene Menschen erlaubt, die in irgend einer Weise „behindert“ und benachteiligt sind, zeichnet daher einen „Kulturstaat“ aus.

 

All diese Charakteristika trafen auf die DDR zu: ein vorbildliches Schulsystem, das weltweit seinesgleichen suchte, allgemeiner Zugang zu Wissen und Bildung auf hohem Niveau, so wie wissenschaftliche und humanistische Ausbildung zeichnete die DDR aus. Dass auch die Kinder des Klassenfeindes freien Zugang zu allen akademischen und beruflichen Möglichkeiten hatten, davon legt Frau Merkel, die gewendeten und „angekommenen“ Kulturschaffende, ein ziemlich beredtes Zeugnis ab.

 

Bildung und Kultur müssen es, so Thomas Mann, den Menschen erlauben, all ihre geistigen, schöpferischen und wissenschaftlichen Interessen zu befriedigen, ein sinnvolles und erfülltes Leben zu führen. Der „Kulturstaat“ muss die Intellektualisierung der jeweiligen Gesellschaft vorantreiben und allgemeinen geistigen, schöpferischen und wissenschaftlichen Fortschritt garantieren.

 

Dass diese hohen Anforderungen für die DDR zutrafen, ist augenscheinlich und konnte auch von den verkorksten Ideologen des Antikommunismus nicht geleugnet werden. Das Konzept der „allseitig entwickelten sozialistischen Persönlichkeit“ wurde bereits sehr früh in die Tat umgesetzt und führte einen Karl Jaspers dazu, im Hinblick auf die DDR von „der Zwangsakulturation der totalitären Gesellschaft“ in der DDR zu faseln. Akademisches Fachidiotentum im Interesse der Kapitalverwertung in der BRD, humanistische Bildung und Kultur im Sinne des Menschenbildes des Sozialismus in der DDR, das und nichts Anderes war die Realität!

 

Alle Schätze der National- und Universalkultur müssen den Bürgern und Bürgerinnen eines „Kulturstaates“ zur jederzeitigen Verfügung stehen, unabhängig von der wirtschaftlichen Lage. Daher müssen alle Kulturgüter, wie die Teilnahme am kulturellen Leben allen Menschen zu jeder Zeit zugänglich sein, so Thomas Mann weiter.

 

Ein simpler Vergleich zwischen den damaligen Buch- und Schallplattenpreisen in der DDR und der BRD, zwischen den Summen, die es auf den Tisch zu legen galt, um Zugang zum kulturellen Leben, zu Theatervorstellungen, Konzerten, zu Museen und Ausstellungen zu erhalten, macht deutlich, welcher der beiden deutschen Staaten nun wirklich ein Kulturstaat war und welcher die Mannschen Bedingungen nicht erfüllte.

 

Thomas Mann legte großen Wert auf die Forderung, dass der Kulturstaat sich um die kulturelle Infrastruktur intensiv kümmern muss und der Gegensatz zwischen „kulturellen Metropolen“ und der „kulturellen Provinz“ aufgehoben werden muss.

 

Während in der DDR die kulturelle Infrastruktur bewusst flächendeckend ausgebaut wurde, zeichnet bis heute der Widerspruch zwischen dem Kulturleben in den Metropolen einerseits und der kulturellen Wüste auf dem flachen Land andererseits, die Kulturlandschaft BRD aus. Dass die kulturelle Infrastruktur im heutigen zwangsvereinigten Deutschland zunehmend und rasant abgebaut wird, zeigt, dass die Ökonomisierung des Überbaus parallel zur tiefen ökonomischen Krise des Kapitals geradewegs in die allgemeine Barbarei und Kulturlosigkeit führt. Von DDR-Verhältnissen in Bezug auf die kulturelle Infrastruktur kann heute nur noch geträumt werde.

 

Thomas Manns Theorie des „Kulturstaates“ ist dezidiert bürgerlich und idealistisch. Genau deswegen sind seine kulturpolitischen Ansichten so explosiv: sie zeigen, dass das humanistische Erbe des deutschen Bürgertums in der DDR verwirklicht war und dabei im Dienst des sozialistischen Aufbaus und der Verwirklichung des sozialistischen Menschenbildes stand. Genau diese Dialektik lässt uns erahnen, was wir an der DDR und durch den Sieg der Konterrevolution an kulturellen Werten und Errungenschaften verloren haben.

 

Wenn wir Bildung und Kultur nicht als bloße Dekoration einer unmenschlichen Gesellschaft begreifen und anstreben, sondern als „eigentliche Menschwerdung des Menschen“ (Karl Marx), kann uns die DDR als Vorbild und Beispiel dienen, wie Thomas Mann es uns mittels der Theorie des „Kulturstaates“ plausibel gemacht hat.

 

Ein zukünftiges sozialistisches Deutschland wird die Farben der DDR tragen und sich auch und vor allem am Überbau des ersten Arbeiter- und Bauernstaates auf deutschem Boden orientieren.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Robert Medernach

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